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Stress? Ansichtssache!

Ach du Schreck: Jetzt hat man festgestellt, dass Stress überhaupt nicht so schlimm ist, wie uns jahrelang erzählt wurde. Was sollen wir denn jetzt tun? Wohin mit all den Antistress-Tees, -Duftölen, -Duschgels? Worüber reden, wenn man hektisch mit dem Handy am Ohr durch die Stadt läuft? Und vor allen Dingen wohin mit den vielen Büchern und Magazinen, die uns die einzig wahren und ultimativen Entspannungstechniken lehren wollen? Am besten in den Müll damit und dann: raus ins Leben, juchu!

NICHT STÄNDIG DARÜBER REDEN 
Aber Spaß beiseite, es stimmt tatsächlich. In einer groß angelegten Studie mit 30.000 Probanden, die über acht Jahre beobachtet wurden, haben US-Wissenschaftler herausgefunden, dass nicht der Stress unser Feind ist, sondern wir selbst im Umgang mit selbigem. Soll heißen: Wer sich (und anderen) jeden Tag vorbetet, dass er Stress hat, dass er entspannen muss, dass er nicht weiß, wie er vor lauter Anspannung im Atemkurs zu Luft kommen soll, läuft Gefahr, irgendwann wirklich ernsthaft zu erkranken. Denn Stress kann, das ist bewiesen, allerlei Krankheiten von Hörsturz bis Krebs auslösen. Um dem vorzubeugen, schalten Ärzte jetzt langsam um und versuchen nicht mehr den bösen Feind zu bekämpfen – sondern ihren Patienten beizubringen, wie sie mit ihm umgehen können. So wie ein Surfer lernt, mit oder im besten Fall ganz oben, auf der Welle zu schwimmen. Und niemals dagegen. Das ist das Geheimnis.

TODESFÄLLE AUSGEWERTET  
Eine der ersten, die ihr Denken in Sachen extremer Anspannung komplett geändert haben, ist die kalifornische Gesundheitspsychologin Kelly McGonigal. Sie lehrt an der dortigen Stanford Universität und sagt: „Jahrelang habe ich Menschen erzählt, dass Stress uns krank macht. Dass er das Risiko für vieles erhöhe – von der ganz gewöhnlichen Erkältung bis hin zu Herz-Kreislauf-Krankheiten.“ Als sie von der Studie gehört habe, sei sie schockiert gewesen, wie viel sie mit ihrer Einstellung möglicherweise falsch gemacht habe, sagt sie. Für die Studie waren die Probanden zu Beginn unter anderem gefragt worden, wie viel Stress sie im vergangenen Jahr hatten und ob sie ihn als schlecht für sich selbst einstufen. Am Ende wurde mit öffentlichen Sterberegistern die Todesrate der Probanden ausgewertet.

OHNE STRESS GEHT’S NICHT
Das Ergebnis: Wer im Jahr zuvor viel Stress erfahren hatte und davon ausging, dass er sich negativ auf die Gesundheit auswirkt, hatte ein 43 Prozent höheres Risiko, früher zu sterben. Wer sich allerdings lediglich stark gestresst fühlte, aber nicht davon ausging, dass dies gefährlich für die Gesundheit sei, wies nur ein geringes Sterberisiko auf. Es lag sogar noch niedriger als das der Studienteilnehmer, die meinten, keinen oder kaum Stress zu haben. Wichtig ist also auch, dass man Stress überhaupt als solchen wahrnimmt – und akzeptiert. Denn ohne geht’s im Leben schließlich nicht.

NICHT VERKRIECHEN, HANDELN
Das, was im Ausnahmezustand mit dem Körper passiert – feuchte Hände, Herzrasen, Tunnelblick – ist mit Sicht auf die Evolution äußerst sinnvoll: Energien werden gebündelt, Überflüssiges auf Stand-bye gestellt. Der frühe Mensch konnte damit schnell flüchten oder hart kämpfen. Doch wen soll man heute mit Fäusten traktieren, oder wo soll man hinrennen, nur weil im Job, in der Familie und überhaupt alles drunter und drüber geht. Die Energie findet also kein Ventil und muss irgendwie anders wieder aus dem Körper heraus. Schlau ist, wer sich gut kennt und weiß, dass Sport, Spaziergänge, Ablenkung oder andere Geheimrezepte helfen können. Ungeschickt wäre hingegen, sich aufs Sofa zu verkriechen und sich stundenlang vorzureden, wie furchtbar alles ist und dass das Magengeschwür und die Schlaflosigkeit bestimmt schon anklopfen. Trotzdem kann der Druck natürlich enorm wachsen. Um dem gegenzusteuern wollen Fachleute wie Kelly McGonigal in einem frühen Stadium zeigen, dass die richtige Einordnung dessen, was da passiert wichtiger ist als der Kampf dagegen. Denn eigentlich ist der Mensch für Stress gemacht. Das wird nur im Anblick von Tausenden von Entspannungsratgebern oft vergessen.

 

Zusatz:
Medizinisch betrachtet ist der kurze Alarmzustand des Körpers bei Stress gar nicht mal so schlecht. So hat zum Beispiel Professor Firdaus Dhabhar, Neuroimmunologe an der Stanford Universität herausgefunden, dass bewusst hervorgerufener Stress das Immunsystem ankurbeln kann. Seine Theorie: Wer vor einer Impfung seinen Körper durch moderaten Sport in einen stressähnlichen Zustand versetzt, sorgt dafür, dass die Impfung besser wirkt. Außerdem erholen sich seiner Meinung nach Patienten, die vor einer Operation leichtem Stress ausgesetzt waren, nach der OP deutlich schneller.