Mal wieder total sauer? – Es gibt saure Lebensmittel und basische – und jede Menge Nahrungsergänzungsmittel, um die Säure auszugleichen. Zu Recht?

Vor wenigen Jahren noch war ein Mangel an Vitamin-B Schuld, wenn man müde oder schlapp war. Aber der Markt hielt gleich die passenden Gegenmittel bereit: jede Menge Vitaminpräparate für oft viel Geld. Heute ist das anders. Heute steht man bei Müdigkeit im Verdacht, übersäuert zu sein. Und auch hier gibt es natürlich Hilfe – und zwar in Form von basischen Nahrungsergänzungsmitteln, die die bösen Säuren ausgleichen sollen. Aber stimmt das überhaupt? Kann man übersäuern? Und helfen dann Pülverchen?

DER KÖRPER HILFT SICH SELBST
Der menschliche Körper ist ein kleines Wunderwerk. Zwar braucht er Hege und Pflege – läuft es aber mal nicht so gut, ist er im Normalfall in der Lage, sich den Umständen anzupassen. Ist es zu warm, kann er sich selbst abkühlen. Ist es kalt, heizt er ein. Ähnlich läuft es auch mit den Säuren und deren Gegenspielern, den Basen: Hat er von einem zu viel, kann er selbst einen Ausgleich schaffen. Und zwar „unter anderem durch die Aktivität von Körperorganen wie Lunge, Nieren und Leber. Sie können überschüssige Säuren und Basen ausscheiden oder verstoffwechseln“, erklärt Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Denn was kaum jemand weiß: Man kann nicht nur übersäuern. Auch ein Ungleichgewicht in die basische Richtung ist möglich. Das erste heißt Azidose, das andere Alkalose. Und beides ist nicht gut. Trotzdem besteht in unseren Breitengraden und der immer gegebenen Möglichkeit, sich ausgewogen zu ernähren, nur äußerst geringe Gefahr, dass das überhaupt passiert.

AUCH BASENÜBERSCHUSS MÖGLICH
„Zwar kann auch eine ausgewogene Ernährung einen gewissen Säureüberschuss erzeugen. Doch beim gesunden Erwachsenen wären die Regulationssysteme des Körpers selbst bei einer einseitigen Ernährung in der Lage, Überschüsse zu kompensieren und auszuscheiden“, erklärt Antje Gahl. Dazu muss man aber wissen, dass es säurebildende und basenbildende Lebensmittel gibt, die jedoch nicht nach Grad des sauren Geschmacks, sondern nach ihrer Wirkung unterschieden werden: Gewinnt der Körper bei der Verwertung mehr saure Bestandteile aus ihnen, sind es Säurebildner. Entstehen bei der Verarbeitung jedoch mehr basische Produkte, sind es Basenbildner. Zitrusfrüchte zum Beispiel schmecken zwar sauer, liefern aber viele Mineralstoffe, die basisch wirken. Dem gegenüber stehen als Säurebildner zum Beispiel Würstchen, viele Käsesorten oder Nudeln. Bekommt der Körper von beiden Lebensmittel-Sorten gleich viel, ist er zufrieden.

BEI HOCHLEISTUNG GIBTS SÄURE
Nichtsdestotrotz kann der Säure-Basen-Haushalt gestört sein. „Bei sehr alten Menschen oder Menschen, die physiologische Extrembedingungen leben wie zum Beispiel Hochleistungssportler kann das passieren“, sagt die Expertin. „Oder auch bei Erkrankungen der Lunge und des Atemzentrums oder bei Störungen der Produktion und Ausscheidung von starken Säuren.“ Bei längerem sehr starkem Durchfall, bei Gallen- oder Bauchspeicheldrüsenerkrankungen, bei Diabetes mellitus kann es auch zu einer Anhäufung von Säuren im Blut kommen. Aber all das sind ernsthafte Erkrankungen, deren Symptome gesunde Menschen – die Bevölkerungsgruppe, die vorbeugend am meisten zu Nahrungsergänzungsmitteln greift – nicht treffen.

ERGÄNZUNGSMITTEL ÜBERFLÜSSIG       
Darum hält die Ernährungs-Expertin es auch nicht für sinnvoll, zu säureausgleichenden Tabletten oder Pulvern zu greifen: „Allgemein ist es für gesunde Personen nicht notwendig, wie häufig propagiert, zusätzliche basenfördernde Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen oder die Ernährung auf speziell basen- und säurebildende Lebensmittel zu fokussieren. Die Einteilung der Lebensmittel ist überflüssig, da weder eine säureüberschüssige noch eine basenüberschüssige Kost bei gesunden Menschen irgendeinen Vorteil bedeuten.“ Zwar stimmt es, dass eine Ernährung mit viel Fleisch und wenig Gemüse einen Überschuss an Säuren in den Körper schwemmt. Allein dadurch in einen kritischen pH-Bereich zu kommen, ist für Gesunde laut der Expertin jedoch unwahrscheinlich. Ungesund ist diese einseitige Ernährung eher aus anderen Gründen. Fehlen Obst und Gemüse auf dem Speiseplan, fehlen dem Körper wichtige Vitamine und Mineralstoffe für das Immunsystem.

SAURES MILIEU WIRD GEBRAUCHT
Insgesamt sind Säuren sogar wichtig für den Körper. Viele Organe sind nämlich auf eine bestimmte Säurekonzentration angewiesen, um überhaupt arbeiten zu können. Im Magen etwa zersetzt Salzsäure die Nahrung, in ihm herrscht ein pH-Wert von 1,2 bis 3. Die Haut mag es sauer, weil sie mit einem pH-Wert um 5 Krankheitserreger am besten abwehren kann. Und auch unser Speichel liegt mit einem pH-Wert um 6 im sauren Bereich. Basisch hingegen arbeiten Bauchspeicheldrüse und Galle, auch das Gehirn ist im basischen Bereich, ebenso das Blut.